Datum: Dezember 2020 | Autor(en): Dorette Lochner

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Schon mal etwas von Volition gehört?

Die Kunst, eine Absicht wirksam und ohne Reue in die Tat umzusetzen

In der wissenschaftlichen Psychologie wird schon lange beforscht, was Menschen an- und umtreibt, was sie zum Handeln bewegt und was sie benötigen, um ihre Absichten auch tatsächlich und tatkräftig umzusetzen.

Einen Teil der Antwort auf diese Frage geben Motivationstheorien. Sie sagen uns, welche Bedürfnisse Menschen haben und welche Themen sie bewegen. So gibt es zum Beispiel ausgiebige Forschungsergebnisse zum Leistungs-, Macht- und Anschlussmotiv. Forschungsergebnisse zeigen, dass verschiedene Themen für verschiedene Individuen eine unterschiedliche Wertigkeit besitzen. Auch die Frage der individuellen Berufsmotivation ist umfänglich beforscht worden.

Summarisch kann man konstatieren, dass es zahlreiche Auflistungen verschiedener Motive gibt, wissenschaftlich fundierte und solche, die es weniger sind. Und es gibt zahlreiche diagnostische Instrumente, um das individuelle Motivprofil zu erfassen, mit dem Ziel, Vorhersagen über individuelles Verhalten z.B. im Kontext von Schule oder Beruf zu machen. 

Das Thema Motivation hat in der Personalentwicklung schon lange einen hohen Stellenwert. In einem Führungstraining dürfen beispielweise Maslow, Herzberg, McClelland und Pink nicht fehlen. 

Weitaus weniger Beachtung findet das Thema Volition. Vielen Personalentwicklern ist der Begriff gar nicht geläufig, obwohl gerade die Volitionskompetenz ganz wesentlich für den Erfolg im Arbeitsleben ist. Volition ist die Schwester von Motivation, eine Schwester, ohne die es in vielen Fällen nicht geht. Zumindest dann, wenn unsere Motivationslage ein bisschen komplizierter ist. Zum Beispiel wenn wir motiviert sind etwas in Angriff zu nehmen, gleichzeitig aber auch ein wenig Angst davor haben - zum Zahnarzt gehen, einen Vortrag halten, ein kritisches Gespräch führen, um mehr Gehalt ersuchen. Spätestens dann brauchen wir unsere Volition. Die Volition ist die Kompetenz, uns gedanklich und gefühlsmäßig so zu steuern, dass wir unsere Handlungsenergie aufrecht erhalten - damit uns nicht der Mut vor der eigenen Courage verloren geht oder unsere Trägheit siegt.

Nehmen wir als Beispiel ein kritisches Gespräch. Wir kennen das. Es ist uns wichtig, ein Thema endlich einmal anzusprechen. Damit ist unsere Hoffnung verbunden, dass sich etwas in die positive Richtung ändert, das gibt uns Motivation. Auf der anderen Seite haben wir ein wenig Angst vor dem Gespräch. Was, wenn das Gegenüber die Sache in den falschen Hals bekommt und unsere Beziehung noch schlechter wird? Das möchten wir vermeiden. Hier streiten sich also zwei Motivationen. Und das Dumme ist, dass die Angst stärker wird je
näher wir der Umsetzung kommen. Und hier kommt die Volition ins Spiel. Nur wenn wir in der Lage sind, uns unser Ziel vor Augen zu halten, uns Mut zu machen und uns in den emotional richtigen Zustand zu bringen, werden wir das Gespräch anpacken. Wenn wir das nicht hinbekommen, dann schwindet unsere Motivation dahin und wir schrecken vor der Umsetzung zurück. Und dann kommt unglücklicherweise noch der Rationalisierungseffekt dazu: wir reden uns nachher ein, die Sache wäre uns ja gar nicht so wichtig gewesen. Aber unser Unterbewusstsein weiß, dass wir gekniffen haben.

So gibt es viele Beispiele dafür, dass unsere volitionale Handlungsregulation nicht richtig funktioniert, obwohl wir motiviert sind.

 

Die Phasen einer Handlung unter der psychologischen Lupe


Die Phase der Motivation

Wenn wir uns eine Handlung in Phasen vorstellen, so startet eine Handlungstendenz dann, wenn wir eine Chance wahrnehmen, ein Bedürfnis zu befriedigen - eines unserer Motive wird aktiviert. Bevor wir uns nun entschließen aktiv zu werden, wägen wir - kürzer oder länger - ab, welche Haupt- und Nebenwirkungen eine Aktion haben könnte, welche Alternativen es gibt, welche Informationen uns noch fehlen, um uns entscheiden zu können.

In dieser Phase, der Motivationsphase ist ein kritischer Realismus Trumpf und ein geweiteter  Blick auf Chancen, Risiken, langfristige Folgen, auf die eigenen Fähigkeiten und weitere zur Verfügung stehende Ressourcen.

 

Die Phase der Volition

Nach der Abwägung kommt die Entscheidung - entweder man verwirft die Möglichkeit aktiv zu werden oder die Abwägung mündet in eine konkrete Absicht. Nun kommt unsere Volition ins Spiel. Sie hilft uns, unsere Aufmerksamkeit auf die Umsetzung zu fokussieren. Es geht nun nicht mehr darum, Kosten und Nutzen kritisch abzuwägen, sondern uns mit Optimismus auf unser konkretes Handlungsfeld und unsere Einflussmöglichkeiten darin zu konzentrieren. Wer jetzt wieder das Abwägen anfängt oder beim ersten Hindernis pessimistisch wird, büßt an Tatkraft ein, egal ob es um ein schwieriges Gespräch oder eine sportliche Aktivität geht.

 

Die Auswertungsphase

Wenn wir unser Vorhaben dann umgesetzt haben, geht es an die innere Auswertung unserer Handlung. Und auch hier gibt es Denkmechanismen, die uns zuträglich sind und solche, die uns in der Zukunft schwächen. So stärkt es sicher nicht unsere Tatkraft, wenn wir nach der Aktion stets erneut über die Möglichkeiten nachdenken, die wir nicht ergriffen haben. Zum Beispiel wenn wir nach dem Kauf eines Möbelstücks stets über die Möbel nachgrübeln, die wir nicht gekauft haben - und wohlmöglich unsere Entscheidung in Frage stellen. Manche Menschen erleben diesen „Regret-Effekt“ fast gewohnheitsmäßig.

Ein anderer wichtiger Denkprozess nach einer Handlung ist der Zuschreibungs- oder Attributionsprozess. Er bezieht sich darauf, wie wir uns selbst unsere Erfolge und Misserfolge erklären. Und diese unsere Erklärung kann uns stärken oder schwächen. Wer seine Erfolge dem glücklichen Zufall zuschreibt und nicht seinen eigenen Fähigkeiten, tut sicher nichts Gutes für sein Selbstbewusstsein. Ebenso wenig ist es für das eigene Wirksamkeitserleben hilfreich, wenn wir Misserfolge unserer mangelnden Auffassungsfähigkeit oder fehlendem Talent zuschreiben, etwa mit Gedanken wie: „Das lerne ich nie.“ oder „Ich bin einfach nicht selbstbewusst genug.“  Besser sind Erklärungen wie: „Gut, dieses Mal hat es nicht geklappt, aber das lerne ich noch.“


Selbststeuerung kann man trainieren

Nun ist es in der Regel so, dass man sich über die eigenen Denkgewohnheiten, die begleitenden Gefühle und die eigene Aufmerksamkeit meist gar nicht bewusst ist. Sie laufen spontan, nahezu wie ein Reflex. Diese automatischen Prozesse nennen die Volitionspsychologen unsere „Erstreaktion“. Diese Erstreaktion ist zum einen genetisch determiniert, zum anderen durch früh gebahnte neuronale Prozesse. Sie zu verändern ist ein langer Prozess. Wer unter den Blicken vieler Menschen zum Beispiel „Lampenfieber“ bekommt, wird sich das kaum abgewöhnen können. Wer emotionale Diskussionen scheut  und anderen dann zunächst das Feld überlässt, wird vermutlich lebenslang aus seiner Komfortzone geraten, wenn andere heftige Emotionen zeigen. Sich diese Erstreaktion abtrainieren zu wollen, ist nicht besonders erfolgversprechend, aber auch nicht notwendig.

Denn für unsere Wirksamkeit entscheidend ist unsere „Zweitreaktion“. Die Zweitreaktion ist unsere Fähigkeit, uns durch kleine „Tricks“ emotional zu justieren, unsere Aufmerksamkeit zu steuern, dysfunktionale Gedanken zu stoppen. Das lässt sich an unserem Beispiel „Lampenfieber“ schön verdeutlichen: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass man weder dem Gedanken „Ich bin so aufgeregt“ nachgeben sollte, noch versuchen sollte, sich „Ich bin ganz ruhig“ einzureden. Am besten fährt man, wenn man sich einfach vorsagt „Ich bin gespannt“. Solche (Denk-) Methoden kann man lernen.  Dazu gehört es zunächst, diese Prozesse unter die Lupe zu nehmen und sich ihrer bewusst zu werden. Und dann durch das Training von zum Beispiel Selbstinstruktionen, Gedanken-Stopp, inneren Visualisierungen und Stimuluskontrolle mehr Wirksamkeit zu erreichen.


Literatur:
Über den aktuellen Stand von Forschung und Lehre zu den Konzepten Motivation und Volition kann man sich in diesem lesbaren Standardwerk informieren: Heckhausen, J. & Heckhausen, H. (Hrsg.) (2018) Motivation und Handeln. Springer Verlag.